January 8, 2026

Wie wir wieder ins Gespräch kommen

Markus Rhomberg
Co-Geschäftsführung - Organe, Partnerschaften, Kommunikation und Finanzen

Dienstagabend, ein Gasthaus in einer zufälligen Gemeinde in der Vierländerregion Bodensee. Zwei Menschen teilen sich unbekannterweise einen Tisch. Sie kommen ins Gespräch, reden zunächst über den neuen Radweg, den Landbus, der nur unregelmäßig kommt, dann darüber, wie sie täglich versuchen, mit den steigenden Kosten des alltäglichen Lebens umzugehen und wer dafür die Schuld trägt. Niemand versucht zu gewinnen. Kein Publikum, keine Likes. Ein Gespräch, das nicht trennt, sondern verbindet. Solche Momente scheinen alltäglich, sind aber in Wirklichkeit selten geworden. Und genau das ist das Problem.

Denn wir leben in Blasen. Wir lesen, hören und diskutieren fast nur mit Menschen, die wir kennen und die unsere Sicht teilen. Das gibt zwar Sicherheit, irritiert uns aber maximal, wenn wir auf Gegenpositionen stoßen. Viele vermeiden solche Begegnungen bewusst. Das Ergebnis ist Polarisierung. Es werden keine Argumente ausgetauscht, sondern Positionen zementiert. Wer sich nur im Eigenen bewegt, radikalisiert sich im Eigenen. Die Fähigkeit zum Perspektivwechsel sinkt. Und mit ihr eine Kompetenz, die wir dringend brauchen: Ambiguitätstoleranz.

Polarisierung ist kein Randphänomen. Sie prägt politische Debatten, soziale Medien und private Gespräche. Algorithmen verstärken das Muster: Wer einmal klickt, bekommt mehr vom Gleichen. So entsteht eine Welt, in der Widerspruch nicht als Einladung, sondern als Angriff gilt. Die Folge ist ein Rückzug ins Vertraute, die Abwehr des Fremden. Das ist zwar bequem, aber gefährlich.

Ambiguitätstoleranz: Die unterschätzte Fähigkeit

Ambiguitätstoleranz bedeutet, Widersprüche auszuhalten, ohne sofort in Abwehr oder Aggression zu gehen. Unsicherheit akzeptieren, ohne sie zu bekämpfen. In einer Welt, die Eindeutigkeit belohnt, wirkt das wie Schwäche. Aber tatsächlich ist es Reife. Wer Ambiguitätstoleranz besitzt, kann Unterschiede nicht nur ertragen, sondern produktiv machen.

Die psychologische Forschung zeigt: Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz sind weniger anfällig für Polarisierung und autoritäre Versuchungen. Sie können Unterschiede als Ressource sehen, nicht als Bedrohung. Doch diese Fähigkeit entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie braucht einerseits Übung und andererseits Räume, die Begegnung ermöglichen, bevor Konflikte eskalieren. Denn wer nie erlebt hat, dass unterschiedliche Positionen bereichernd sein können, wird diese als Gefahr wahrnehmen.

Räume statt Schlagabtausch

Verständigung beginnt nicht nur mit dem Lernen, zuzuhören und sachlich zu argumentieren. Sie beginnt auch mit besseren Räumen. Orte, an denen kein Programm läuft und niemand performen muss. Kneipen, Gasthäuser, offene Werkstätten, Bibliotheken, also Räumen ohne Agenda, ohne Zwang zur Selbstoptimierung. Sie schaffen Resonanz und kleine Momente der Gemeinsamkeit. Und sie fördern genau das, was wir brauchen: die Bereitschaft, Unterschiede nicht als Risiko, sondern als Chance zu sehen.

Solche «dritten Orte» beschreibt Harald Welzer in seinem neuen Buch «Das Haus der Gefühle». Sie sind weder Zuhause noch Arbeitsplatz, sondern Orte, an denen man einfach sein kann, ohne sich zu inszenieren. Solche Orte schaffen Resonanz, ermöglichen zufällige Begegnungen und fördern das, was in polarisierten Zeiten fehlt: die Erfahrung, dass Unterschiedlichkeit nicht trennt, sondern verbindet.

Was heißt das praktisch? Keine Hochglanzformate. Lieber niedrigschwellige Anlässe mit Wiederbegegnung: Pop-up-Stammtische in leerstehenden Gasthäusern. Repair-Cafés, in denen gemeinsames Reparieren nicht nur Dinge, sondern auch Beziehungen pflegt. Gesprächsalons in Gemeindesälen, die Geschichten und Perspektiven verbinden.

Diese Formate sind schlicht. Sie setzen auf Regelmäßigkeit statt Spektakel. Wichtig ist die Wiederholung: Wer sich wiedersieht, baut Vertrauen auf, ohne dass man sich einigen muss. Vertrauen entsteht nicht in einem Event, sondern in der Erfahrung, dass man sich wieder begegnet. Drei einfache Regeln reichen oft: 1) Erst verstehen, dann antworten. 2) Konkrete Erfahrungen vor Meinungen. 3) Wiederbegegnung statt Finale. Entscheidend ist die Verlässlichkeit: Wer weiß, dass es ein nächstes Mal gibt, spricht anders. Weniger aggressiv, weniger endgültig.

Wir haben uns an schnelle Urteile gewöhnt: an Zuspitzung, Algorithmus und Empörung. Das Gegenmittel ist nicht Moralisieren, sondern Übung. Wer diese Erfahrung macht, lernt, dass Differenz nicht gefährlich ist. Dass man nicht jedes Gespräch gewinnen muss. Dass Zuhören kein Zeichen von Schwäche ist.

Warum das dringend ist

Ambiguitätstoleranz ist kein akademischer Begriff, sondern eine Überlebensfähigkeit für offene Gesellschaften. Und vielleicht sogar die demokratische Kompetenz des 21. Jahrhunderts. Ohne sie wird jede Debatte zur Eskalation. Mit ihr entsteht die Möglichkeit, Konflikte produktiv zu machen. Doch diese Fähigkeit wächst nicht in Isolation. Sie braucht Räume, Rituale und Regeln. Und sie braucht die Bereitschaft, Unsicherheit nicht als Makel, sondern als Normalität zu akzeptieren.

Vielleicht ist es Zeit, nicht nur besser zu argumentieren, sondern das Gespräch selbst neu zu denken. Nicht als Projekt, sondern als Routine. Nicht als Kampagne, sondern als verlässliche Gewohnheit. Ein Tisch, eine Zeit, ein nächstes Mal. So beginnen Brücken.

Bildnachweis: Angela Lamprecht

No items found.

Ähnliche Beiträge