October 9, 2026

Der Bodensee kennt keine Leichen mit Pass

Markus Rhomberg
Co-Geschäftsführung - Organe, Partnerschaften, Kommunikation und Finanzen
Was die „Toten vom Bodensee“ über die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in unserer Region erzählen

Es gibt vermutlich kein im deutschsprachigen Raum bekannteres Projekt der Vierländerregion Bodensee als die Krimiserie "Die Toten vom Bodensee". Und das sage ich als Co-Geschäftsführer des Wissenschaftsverbunds Vierländerregion Bodensee, dem gelegentlich nachgesagt wird, selbst ein Leuchtturmprojekt der Region zu sein. Zugegeben: Offiziell gehört die Serie gar nicht zur Vierländerregion. Sie spielt vor allem zwischen Vorarlberg, Bayern und dem Bodensee. Und trotzdem erzählt kaum ein anderes Format so selbstverständlich von etwas, das die Vierländerregion seit Jahrzehnten prägt: Zusammenarbeit über Grenzen hinweg. Die Reihe wird seit 2014 als deutsch-österreichische Koproduktion von ORF und ZDF produziert und rund um den Bodensee gedreht.

In jeder Folge geht es um einen Mordfall. Menschen verschwinden. Täterinnen und Täter versuchen Spuren zu verwischen. Familiengeheimnisse kommen ans Licht. Das ist alles erwartbar. Bemerkenswert ist etwas anderes. Obwohl die Serie in einem Raum mit mehreren Staaten spielt, handelt sie erstaunlich selten von Grenzen. Die Ermittlungen führen von Österreich nach Deutschland und wieder zurück. Zuständigkeiten werden geklärt, aber sie dominieren die Handlung nicht. Im Mittelpunkt steht die gemeinsame Aufgabe: ein Verbrechen aufzuklären.

Vielleicht liegt gerade darin das Erfolgsgeheimnis der Serie. Sie erzählt von einer Erfahrung, die viele Menschen rund um den Bodensee längst aus ihrem Alltag kennen. Der Arbeitsweg endet nicht an der Landesgrenze. Unternehmen suchen Fachkräfte auf beiden Seiten des Sees. Freundschaften, Familien und Geschäftsbeziehungen orientieren sich selten an Grenzpfählen. Die Serie inszeniert diese Realität. Nicht als politische Vision. Sondern als Selbstverständlichkeit.

Interessanterweise beginnt Kooperation dabei nicht mit Gemeinsamkeit. Sie beginnt mit einem Problem.

Ein Mordfall verlangt nach Aufklärung. Die Beteiligten arbeiten nicht zusammen, weil sie dieselbe Herkunft haben oder dieselben Routinen pflegen. Sie arbeiten zusammen, weil sie alleine nicht weiterkommen und weil es ihre Funktion so hergibt.

Das ist bemerkenswert bodenseetypisch. Als die Anrainerstaaten Anfang der 1970er Jahre die Internationale Bodensee-Konferenz gründeten, stand nicht die Idee einer gemeinsamen regionalen Identität am Anfang. Ausgangspunkt waren konkrete Herausforderungen im Umwelt- und Gewässerschutz. Der See machte deutlich, dass manche Probleme grösser sind als nationale Zuständigkeiten. Die Zusammenarbeit entstand aus einer gemeinsamen Aufgabe. Das Gefühl einer gemeinsamen Region entwickelte sich erst später.

Auch die Ermittlerinnen und Ermittler der Serie verkörpern dieses Prinzip. Die Reihe lebt von unterschiedlichen Perspektiven und Arbeitsweisen. Die Beteiligten denken nicht gleich. Gerade deshalb kommen sie voran. Unterschiedlichkeit wird nicht als Hindernis erzählt, sondern als Ressource.

Das ist vielleicht die eigentliche Stärke der Vierländerregion. Vier Staaten, unterschiedliche politische Kulturen, Bildungssysteme und Verwaltungstraditionen treffen hier auf engem Raum aufeinander. Das macht vieles komplexer. Aber es erweitert auch den Lösungsraum. Die Serie erzählt dieses Prinzip Folge für Folge neu. Und sie praktiziert es sogar selbst. Hinter der Kamera arbeiten Produktionsfirmen, Sender, Förderstellen und Kreative aus unterschiedlichen Ländern zusammen. Die Serie macht grenzüberschreitende Kooperation nicht nur zum Thema. Sie ist selbst ein Produkt grenzüberschreitender Kooperation.

Vielleicht ist das der Grund, warum die Reihe weit über den eigentlichen Kriminalfall hinaus funktioniert. Denn sie erzählt eine Geschichte, die viele Menschen rund um den Bodensee intuitiv verstehen. Nicht weil sie die Region vollständig abbildet. Sondern weil sie ein Muster sichtbar macht, das die Region seit Jahrzehnten prägt: Gemeinsame Herausforderungen schaffen gemeinsame Handlungsräume. Dabei fällt noch etwas auf. Der eigentliche Hauptdarsteller der Serie ist weder der Kommissar noch die Kommissarin.

Es ist der See. Mal wirkt er idyllisch, mal bedrohlich. Er liefert Leichen, Spuren und Schauplätze. Vor allem aber erinnert er daran, dass alles miteinander verbunden ist. Was auf der einen Seite geschieht, bleibt selten auf der anderen Seite ohne Folgen. Vielleicht liegt darin die tiefere Botschaft der Serie. Der Bodensee trennt nicht einfach Länder voneinander. Er verbindet ihre Schicksale. Und genau deshalb ist er weit mehr als eine Kulisse. Er macht sichtbar, was diese Region seit Jahrzehnten prägt: Manche Herausforderungen sind zu gross für nationale Zuständigkeiten. Sie verlangen Zusammenarbeit.

Die Ermittlerinnen und Ermittler der Serie würden wahrscheinlich sagen: Zuständig sind viele.

Entscheidend ist, wer gemeinsam handelt.

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