23.8.2022

Aufbruch in eine neue Ära

Jens Poggenpohl
Redaktion und Kommunikation
Aus der IBH wird der Wissenschaftsverbund Vierländerregion Bodensee. Mit dem neuen Namen gehen eine neue Struktur und ein neues Selbstverständnis einher: Als eigenständige Rechtsperson verfügt der Verbund künftig über ein breiteres Handlungsrepertoire. In den kommenden Jahren will er dies dafür einsetzen, die gesellschaftliche Rolle seiner Mitglieder zu stärken, offene Innovationsprozesse zu fördern und die Transformation der Region wirkungsvoll zu unterstützen.

Mehr als 20 Jahre hat die IBH die Wissenschaftsregion Bodensee geprägt. Das Jahr 2022 markiert nun eine Zeitenwende: Aus der IBH wird im Laufe dieses Jahres der Wissenschaftsverbund Vierländerregion Bodensee. Im neuen Namen drückt sich zum einen die veränderte Governance-Struktur aus: War die IBH ein Projekt der Internationalen Bodensee-Konferenz (IBK), ist der Verbund künftig eine eigenständige Rechtsperson in Form eines Europäischen Verbunds für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ), der von den Mitgliedshochschulen getragen wird. Die vertrauensvolle Verbindung zur IBK bleibt dennoch weiterhin bestehen und wird in zentralen Bereichen sogar ausgebaut.

Der Wissenschaftsverbund wird zum 28.12.2022 gegründet und übernimmt die Aufgaben der Internationalen Bodensee-Hochschule. Diese wird zum 31.12.2022 aufgelöst.

„Mit der Gründung als EVTZ schaffen wir vielfältige neue Möglichkeiten für den Wissenschaftsverbund, verdichten die Kooperationen unter den Mitgliedern und erweitern die Kooperationsmöglichkeiten über den Wissenschaftsverbund hinaus”, ist Gernot Brauchle, Vorsitzender des Kooperationsrats und Rektor der PH Vorarlberg, überzeugt.

„Wir erwarten, dass der Genehmigungsprozess im Laufe des Jahres 2022 abgeschlossen sein wird“, ergänzt Markus Rhomberg, Leiter der Geschäftsstelle. „Wir freuen uns sehr, dass die enge Verbundenheit mit der IBK auch nach der Gründung bestehen bleibt“. Diese findet ihren Ausdruck in einer gemeinsamen Kooperationsvereinbarung.

Vertiefung und Professionalisierung im Zentrum

Die Rechtskonstruktion des EVTZ hat das EU-Parlament ins Leben gerufen, um die grenzüberschreitende, transnationale und interregionale Zusammenarbeit zu erleichtern.

Als eigene Rechtspersönlichkeit wird der Wissenschaftsverbund rechts- und geschäftsfähig sein, kann unter anderem „selbst EU-Gelder und sonstige Drittmittel beantragen und diese intern verteilen“, erläutert Uwe Blaurock, emeritierter Rechtswissenschaftler an der Universität Freiburg, die seit 2016 mit vier weiteren Universitäten aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz im als EVTZ organisierten Hochschulverbund EUCOR zusammenarbeitet. Zudem gewährleiste die EVTZ-Verordnung „aufgrund der grenzüberschreitend einheitlich tätigen Organe Stabilität und Effektivität bei der Zusammenarbeit“. Diese Rechtsverbindlichkeit schaffe Sicherheit für die Mitglieder etwa bei der “Schaffung von grenzüberschreitenden Studiengängen und Forschungseinrichtungen”.

In der Möglichkeit, dass unter dem Dach des EVTZ Universitäten und Hochschulen unabhängig von ihrer Mitgliedschaft in der EU intensiv zusammenarbeiten können, sieht der Rektor der Universität Zürich, Prof. Dr. Michael Schaepman eine Chance: „Als grosse Forschungsuniversität sind für uns nicht nur globale Kooperationen, sondern auch die Partnerschaft mit unseren direkten Nachbarn aus Deutschland, Österreich und Liechtenstein unverzichtbar.“

Standorte in Deutschland und der Schweiz

Der Wissenschaftsverbund wird den Grossteil der Organstruktur von der IBH übernehmen: So wird es weiterhin einen Vorsitz geben sowie den Kooperationsrat, den die Rektor*innen der Mitglieder bilden. Der Vorstand wird wie bis anhin die Sitzungen des Kooperationsrats vorbereiten und Beschlussempfehlungen aussprechen. Neu geschaffen wird das Organ der Geschäftsführung, das mit der Leitung der Geschäftsstelle des Wissenschaftsverbunds verbunden ist.

Seinen Sitz hat der Verbund zukünftig an der Universität Konstanz, „Der EVTZ eröffnet neue Chancen der Kooperation, sehr zum Nutzen der Region. Die Universität Konstanz freut sich, als Sitz des neuen Verbunds zu dienen und kann so mit dem Standort in Kreuzlingen hervorragend zusammenarbeiten“, erklärt Rektorin Katharina Holzinger. Um den stärker denn je grenzübergreifenden Charakter der Kooperation zu unterstreichen, bleibt der Standort Kreuzlingen erhalten. „Wir sind dem Kanton Thurgau dankbar, dass wir weiterhin auch aus der Schweiz aktiv sein können”, betont Markus Rhomberg.

Das Engagement für den Wissenschaftsverbund ist auch für die Thurgauer Kantonsregierung sehr wichtig. „Der Kanton Thurgau arbeitet in Bildung und Forschung sehr eng mit seinen Nachbarn über die Grenzen zusammen. Genau deshalb freuen wir uns, dass ein Standort weiterhin in Kreuzlingen bleibt“, sagt Regierungspräsidentin Monika Knill.
Ganzheitliche Förderung für noch mehr Impact

Gleichzeitig startet der Wissenschaftsverbund 2022 in eine neue vierjährige Leistungsperiode mit der IBK. Ziel der Leistungsvereinbarung ist es, den digitalen Strukturwandel und die nachhaltige Entwicklung der Region zu verknüpfen. Dafür hat der Wissenschaftsverbund gemeinsam mit seinen Mitgliedern eine neue Förderstrategie entworfen, deren oberster Massstab mehr denn je die gesellschaftliche Wirkung für die Vierländerregion ist: “Wir wollen uns daran messen lassen, wie gut es uns gelingt, wirksame und konkret nachweisbare Impulse für die gesellschaftliche Entwicklung der Region zu liefern”, betont Alexandra Hassler, die für das Förderprogramm gesamtverantwortlich ist.

Im Zentrum steht die Ermöglichung offener Innovationsprozesse. „Es geht uns darum, die Zusammenarbeit von Wissenschaft mit Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu ermöglichen“, sagt Hassler. Auch die Treffsicherheit von thematischen Förderungen soll in den kommenden Jahren verstärkt werden. Bevor ein Förderprogramm gestartet wird, wird mit Hilfe von Expert*innen untersucht, welche regionalen Herausforderungen und Forschungskompetenzen zu einem Thema vorliegen und welche Akteur*innen sich in diesem Feld bereits profiliert haben.

„Wir wollen zunächst wissen, ob es uns als fördernde Organisation für ein bestimmtes Thema überhaupt braucht und welche Ansätze die grösstmögliche Hebelwirkung versprechen”, so Hassler. Auf Grundlage dieser Analyse konzentriert sich die Förderarbeit dann auf thematische Programme wie zum Beispiel Mobilität, Ernährung oder sozialer Zusammenhalt. Welche Programme mit welchen Förder- und Arbeitsinstrumenten aber konkret aufgelegt werden, entscheidet der Kooperationsrat auf Basis der Analysen.

Neben der “klassischen” Projektförderung, liegt der Akzent verstärkt auf der Bildung von Netzwerken und Formaten der Co-Kreation zur konkreten Erprobung und Anwendung von Lösungen mit der Praxis. Ergänzend werden künftige Projekte mit flankierenden Unterstützungs-Massnahmen begleitet, wie etwa Workshops zum Thema Teambuilding, zur Wirkungsausrichtung oder Beratungsangebote für die mediale Vermittlung der Projektinhalte und die Kommunikation von Ergebnissen in die Gesellschaft,

Neu ist schliesslich auch ein mehrstufiges Wirkungsmonitoring. Dazu hat der Wissenschaftsverbund für jedes der Ziele der Leistungsvereinbarung (siehe Factbox) Indikatoren entwickelt, die besonders auf die Wirkungsperspektive fokussieren. Dafür wird auch das Repertoire der Messinstrumente künftig angepasst, etwa um längerfristige Begleitstudien, die valide Aussagen über qualitative Veränderungen ermöglichen.

Dass Hochschulen und Forschungseinrichtungen auch in Zukunft eine Schlüsselrolle für Innovationen spielen werden, steht aus Sicht des Wissenschaftsverbunds ausser Frage. Innovationen werden dabei als Veränderungen gesellschaftlicher Systeme verstanden, die sich durch Anwendung neuer Ideen und Techniken ergeben und den Wandel gesellschaftlicher Praktiken initiieren. Im neuen Verbund geht es künftig daher viel mehr darum, den besonderen Beitrag der Wissenschaft für die Innovationsdynamik der Region sichtbar zu machen, noch vorhandenes Silodenken aufzubrechen und sie bei der Ausgestaltung ihrer gesellschaftlichen Öffnung zu unterstützen.

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Ein historischer Tag

Aus der IBH wird der Wissenschaftsverbund

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