
Das Forschungstransfer-Projekt widmet sich dem Schwerpunktthema Dialog- und Streitkultur für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und beleuchtet in diesem Zusammenhang das lebendige Kulturerbe als Lernfeld für die Gestaltung sozialer Aushandlungsprozesse und die Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Grundlage des Projekts bilden die Erkenntnisse aus dem abgeschlossenen, zweijährigen IBH-Projekt «IMMOERBO - Das immaterielle Kulturerbe der Bodenseeregion». Daraus ging hervor, dass Gemeinschaften rund um lebendiges Kulturerbe ein jahrhundertelanges Wissen darüber besitzen, wie in der Gesellschaft über gemeinsames Tun ein tiefes «Wir-Gefühl» entsteht und wie dieses «Wir-Gefühl» weiterentwickelt wird. Solche Gemeinschaften haben eine sehr eigene Form der Streit-, Dialog- und Aushandlungskultur, aus der sich ein reicher Fundus an kollektivem Handlungswissen zu sozialen Aushandlungs- und Teilhabeprozessen ergibt, der bisher noch wenig erforscht und auch für die Bodenseeregion noch nicht systematisch aufgearbeitet wurde. Ziel des Projekts ist es demnach, den Beitrag dieses Handlungswissens zur Stärkung des «Wir-Gefühls» und des sozialen Zusammenhalts in der Bodenseeregion zu erfassen.
Ausgehend von Fallstudien werden die Voraussetzungen, Rahmenbedingungen und Prozesse dieser Traditionspflege gemeinsam mit Expert*innen und Praktiker*innen sowohl aus dem Arbeitsfeld Kulturerbe als auch aus der Begleitung und Moderation gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse aufgearbeitet und auf Übertragungspotenziale untersucht. Dabei fokussiert sich das Projekt auf die urbane Tradition der Konstanzer Fasnacht sowie auf den ländlichen Brauch des Urnäscher Silversterchlausens im Schweizer Kanton Appenzell Ausserrhoden. Im Verlauf des Projekts soll das Handlungswissen aus dem Kontext des gelebten Kulturerbes für die Praxis nutzbar gemacht werden. Hierdurch werden wiederum für den gesellschaftlichen Zusammenhalt relevante dialogische Prozesse reflektiert und können zukünftig gezielter eingesetzt und weiterentwickelt werden, was nicht zuletzt die Partizipation und bürgerschaftliche Beteiligung fördert.
Beteiligte Hochschulen:
Ergebnisse
Das Projekt untersuchte, wie Bindung an immaterielles Kulturerbe entsteht und welches implizite Handlungswissen in lebendigen Traditionen steckt. Auf Grundlage qualitativer Fallstudien und 44 Interviews zeigt das Projekt, dass Bindung nicht durch ein einzelnes Element entsteht, sondern durch das Zusammenspiel performativer, sozialer und gemeinschaftsbildender Praktiken. Gemeinsam mit Expert*innen wurde dieses Wissen reflektiert und in Transferworkshops für Schlüsselakteur*innen nutzbar gemacht. Zum Projektabschluss wurden die Erkenntnisse in einer öffentlich zugänglichen StoryMap aufbereitet. Fünf daraus abgeleitete Praxisanker – Erlebnis, Dialogkultur, Organisation, Zugang und Ort – verdeutlichen, wie dialogische Prozesse aus dem Kulturerbe soziale Kohäsion, Zugehörigkeit und langfristiges Engagement fördern können.
Ansprechperson
Leticia Labaronne (ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften)
Bildnachweis: Matthias Dietrich