September 28, 2026

Mit der Gesellschaft sprechen lernen

Jens Poggenpohl
Redaktion und Kommunikation
Eine neue Ausschreibung des Wissenschaftsverbunds sucht nach Lehrprojekten für Studierende, die Kompetenzen für die Wissenschaftskommunikation fördern. Zuhören können ist eine von ihnen.

Verständlich reden und schreiben, Metaphern und Vergleiche finden, Bilder und Videos nutzen: Eine flüchtige Online-Recherche genügt, um die vermeintlich goldenen Regeln der Wissenschaftskommunikation aufzuspüren. Es fehlt auch nicht an Angeboten, in denen Forschende lernen können, ihre Erkenntnisse einem Nicht-Expertenpublikum zu vermitteln. Aber geht es bei Wissenschaftskommunikation ausschließlich um Wissensvermittlung und Handwerk?

Nein, findet Markus Weisskopf, ehemals Geschäftsführer von Wissenschaft im Dialog und heute Redakteur bei Table.Briefings. Ihm erscheinen viele dieser Angebote nicht nur „zu detailliert“, sondern auch „zu praktisch“. Denn wichtiger als die gelungene Formulierung oder die ausgefeilte Social Media-Strategie sei es, sich über die Rolle des Systems Wissenschaft klar zu werden. Das bedeute, darüber zu reflektieren, welchen Stellenwert Forschungsergebnisse überhaupt haben können und was aus ihnen folgen könnte.

„Der Kern, um den es geht, ist manchmal nicht das Ergebnis selbst, sondern dessen Bedeutung für die Gesellschaft.“ So sei etwa bei der Gentechnik aus gesellschaftlicher Sicht die entscheidende Frage weniger die der Funktionsweise, sondern die möglichen Konsequenzen. Dann gehe es um Werte, um Güterabwägungen, meint Weisskopf. „Und das ist dann keine wissenschaftliche Debatte mehr, sondern eine gesellschaftliche.“

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Schlüsselqualifikationen für den Wandel

Diese Lücke adressiert die neue Ausschreibung „Wissenschaft im Studium“ des Wissenschaftsverbunds Vierländerregion (W4).

„Wir fördern innovative Lehrprojekte, in denen Studierende Kompetenzen entwickeln, die sie auf ihre Rolle als Brückenbauer*innen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft vorzubereiten", erklärt Felix Girke vom W4.

Der Fokus liege dabei auf Schlüsselqualifikationen innerhalb des W4-Frameworks für Transformationskompetenzen.

Dazu zählen neben der Übersetzungs- und Transferkompetenz das Verständnis für die unterschiedlichen Rollen, Erwartungen und Entscheidungslogiken in gesellschaftlichen Systemen, die Dialog- und Beteiligungskompetenz sowie die Reflexions- und Orientierungskompetenz und schließlich die Fähigkeit, gemeinsam mit Partner*innen außerhalb von Hochschulen kollaborativ an Problemlösungen zu arbeiten. Das „Wisskomm-Programm für Studierende“ des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation (NaWik), das am Karlsruher Institut für Technologie ECTS-fähig eingesetzt wurde, und das Weiterbildungsprogramm Scimpact der Schweizer Organisation Reatch sind im deutschsprachigen Raum zwei der wenigen Vorbilder für eine solche Kompetenzvermittlung schon im Studium.

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Jenseits der Lagerbildung

Studierende, die ein solches Lehrformat durchlaufen hätten, wären im besten Fall auch in der Lage, mit neuen gesellschaftlichen Zielgruppen ins Gespräch zu kommen. „Mit dem Motto „Follow the Science“ erreichen wir niemand Neues mehr, sondern fördern fast schon eine Lagerbildung“, sagt Felix Girke.

Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist ein Anfang September veröffentlichtes Papier von Mike S. Schäfer, Professor für Wissenschaftskommunikation an der Universität Zürich und Co-Leiter des „Wissenschaftsbarometer Schweiz“. Auf Basis repräsentativer Daten lassen sich demnach für die Schweiz vier Gruppen unterscheiden: Sciencephile (22%), Kritisch Interessierte (12%), Passive Unterstützer*innen (48%) und Skeptische (17%).

Augenmerk verdiene insbesondere die zahlenmäßig größte Gruppe der Passiven Unterstützerinnen. Menschen, die dieser Gruppe angehören, „haben weniger ausgearbeitete Kriterien dafür, was Wissenschaft ist, und erwarten vor allem Relevanz für Alltag, Familie oder Gesellschaft“, so der Forscher der W4-Mitgliedshochschule.

„Gerade deshalb ist diese Gruppe für Wissenschaftskommunikation besonders relevant. Sie ist nicht ablehnend, aber sie wird durch klassische Angebote oft nur begrenzt erreicht. Niedrigschwellige, lebensweltliche und beiläufig zugängliche Formate sind hier besonders wichtig.“

Alle Infos zur Ausschreibung gibt es hier.

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